Historie

So fing alles an

Im August 1977 beginnt in der Kath. Hochschulgemeinde Bielefeld ein generationsgemischter Gesprächskreis, in dem die Anliegen von alten und jungen Menschen diskutiert werden. Neben den persönlichen Kontakten bieten die jüngeren Teilnehmer alten Menschen mit Unterstützungsbedarf ihre Hilfe für alltägliche Arbeiten an.

Die zu Grunde liegende Philosophie orientiert sich an den Wünschen der älteren und behinderten Menschen und schließt ebenso die Bedürfnisse der jungen Helfer mit ein.

Der Gesprächskreis der Generationen wächst schnell und kontinuierlich. Ebenso steigt die Nachfrage von Bürgern mit Unterstützungsbedarf nach stundenweiser Hilfe im Haushalt.

Pflegetätigkeiten übernehmen ausgebildete Fachkräfte.

Im März 1978 gründen 30 Mitglieder des Generationengesprächskreises den Verein Freie Altenarbeit e.V.. Menschen mit besonderem Hilfebedarf sollen individuelle Unterstützung in der eigenen Wohnung erhalten. Ende 1979 arbeiten bereits 40 Mitarbeiter freiberuflich im Verein.

 

Die wilden 80er – Die erste Wohngemeinschaft entsteht

Die Idee eine Wohngemeinschaft zu gründen entsteht 1980 im Gesprächskreis. Den Anstoß hierzu gibt Frau K. die an MS leidet und seit Jahren dringend auf einen „geeigneten“ Heimplatz wartet.


In der Osterwoche 1981 besetzt die „Bielefelder Selbsthilfe“ gemeinsam mit der „Initiative gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung“ das zum Abriss freigegebene Haus in der Huchzermeierstraße 1.

Hier sieht der Verein Alt und Jung eine Chance und einen geeigneten Ort für eine WG Gründung. Er übernimmt, in Absprache mit den Initiativen, das Haus in der Huchzermeierstraße 1 (H1). Im Juni ziehen die ersten Bewohner in das Haus ein, im Oktober auch Frau K.

 

Pflegekräfte, Handwerker und Helfer arbeiten ehrenamtlich über Monate an der Renovierung des Hauses – nach den Wünschen der Kunden.

Es ist vieles zu tun, um den Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner gerecht zu werden. Wände müssen versetzt, Heizungen erneuert, Böden ausgetauscht und Fenster und Türen gestrichen werden.


Zunehmend von Bedeutung ist auch die Einbindung der Wohngemeinschaft in das Quartier. Bald wird die WG H1 bekannt – beim Bäcker, beim Apotheker, dem Friseur oder beim Hausarzt. Die Menschen im Viertel werden dabei unterstützt, sich zu vernetzen und ihre Anliegen gemeinsam zu lösen. Die H1 wächst stetig und weitere WGs folgen.

Das Zusammenwohnen der Generationen ist maßgeblich für die Entwicklung des Konzeptes. Dies erweist sich oft als eine Herausforderung, immer aber auch als eine Bereicherung. Das Konzept basiert nicht im klassischen Sinne auf Zahlen und unternehmerischen Zielen. Es erwächst aus der Realität verschiedener Lebensstile, Wohnwünsche und Persönlichkeiten. Dafür ist das selbstbestimmte Leben des Einzelnen ebenso ausschlaggebend wie das voneinander Lernen und miteinander Leben von Alt und Jung.

1980 löst Prof. Dr. Dörner die psychiatrische Abteilung der Westfälischen Kliniken in Gütersloh auf. Er ist der Überzeugung, dass psychisch kranke Menschen nicht ihr ganzes Leben in einer Anstalt verbringen müssen. So entsteht eine enge Zusammenarbeit zwischen Dr. Dörner und dem Verein. Gemeinsam wird es betroffenen Menschen ermöglicht, in Bielefelder Projekte integriert zu werden.

Im November 1980 unterteilen sich die mittlerweile 56 Mitarbeiter des Vereins in vier Stadtteilgruppen. Die 8 bis 14 Mitglieder der jeweiligen Stadtteilgruppe organisieren ihre Arbeit eigenständig. Koordinierend wirkt ein Büro, das abwechselnd von den Mitarbeitern besetzt wird.

Die Dienstleistungskosten werden den Leistungsempfängern in Rechnung gestellt und der jeweilige alte oder behinderte Mensch bzw. die von ihm beauftragte Vertrauensperson rechnet individuell die Kosten mit dem Sozialamt, der Krankenkasse oder anderen in Frage kommenden Kostenträgern ab.

 

Das „Bielefelder Modell“ macht Schule

Seit 1991 erfolgt die Krankenkassenabrechnung direkt zwischen den Teams und den Kostenträgern. Es besteht ein schriftlicher Vertrag zwischen dem Verein und der Krankenkasse.

1995 wird mit den Pflegekassen ein Versorgungsvertrag

entsprechend SGB XI abgeschlossen. Es folgen die Verträge über Leistungen der ambulanten Hilfe für Menschen mit Behinderungen und ergänzende Leistungen der Hilfe zur Pflege.

Aufgrund des immer weiter steigenden Bedarfs an alternativen Pflegekonzepten entsteht 1996 in Zusammenarbeit mit der Bielefelder Gemeinützige Wohnungsbaugesellschaft (BGW) das „Bielefelder Modell“ zum quartiersbezogenen Wohnen mit Versorgungssicherheit ohne Betreuungspauschale. Aus der  Zusammenarbeit entsteht ein Angebot an barrierefreiem Wohnraum und stadtteilbezogenen, niederschwelligen Versorgungsangeboten. Dies macht weit über die Grenzen Bielefelds hinaus Schule. 2005 teilt sich der Verein aufgrund des Wachstums in die Vereine Alt und Jung Nord-Ost und Alt und Jung Süd-West.

 

So arbeiten wir heute

Heute sind wir im gesamten nordöstlichen Stadtgebiet vertreten und versorgen 8,5% der Menschen mit ambulantem Pflegebedarf. Eine stetig steigende Anzahl Menschen will in ihren Wohnungen verbleiben und trotzdem bei Bedarf Unterstützung erhalten.

Im Bewusstsein des demografischen Wandels sehen wir uns als

Brückenbauer, die die Vernetzung der Menschen im Quartier unterstützen. Wir arbeiten daran, die Vielfältigkeit der Lebenskonzepte zu entwickeln und zu verbinden. Hierbei ist das effektive Zusammenspiel von Pflegedienst, Nachbarschaft, ehrenamtlich Tätigen, anderen sozialen Einrichtungen und lokalen Ressourcen bestimmend. Zusammen entwickeln wir täglich eine Versorgungsstruktur, die die bisherige Pflegelandschaft weiterhin nachhaltig erweitert und verbessert. Wichtig hierbei ist die Stärkung von sozialen und kulturellen Aktivitäten, Ortsnähe und die Beschränkung auf ein kleines Gebiet. Dabei fungiert das ‚Wohncafé‘ im Versorgungsstützpunkt als Anlaufstelle für die Menschen aus dem Quartier.

Mit unseren Teams sind wir heute in vielen Wohnquartieren Bielefelds aktiv und bieten ein hoch qualifiziertes und am Bedürfnis des einzelnen Menschen orientiertes Dienstleistungsangebot, welches kontinuierlich reflektiert und gemeinsam weiterentwickelt wird.

Das Haus in der Huchzermeierstr. 1 gibt es noch immer — es steht seit 2014 unter Denkmalschutz